Bertolt Brecht in Augsburg
Brechts Lebensweg1898 Eugen Berthold Friedrich Brecht wird am 10.2 in Augsburg geboren 1922 Dramaturg an den Münchener Kammerspielen Kleistpreis für "Trommeln in der Nacht" 1924-1926 Übersiedlung nach Berlin - Regisseur an Max Reinhardts Deutschem Theater in Berlin 1928-1929 "Die Dreigroschenoper" 1933 Emigration nach Svendborg in Dänemark, später Schweden und Finnland 1941 Exil in den USA 1947 Rückkehr nach Zürich 1948 Rückkehr nach Ost-Berlin 1949 Gründung des Berliner Ensembles im September 1954 Das Theater am Schiffbauerdamm wird Spielstätte des Berliner Ensembles 1956 am 14. August gestorben in Berlin
Bertolt Brecht und Augsburg"Unter anderem wußte er alles über Augsburg." So erinnert sich Marianne Zoff, die erste Ehefrau Brechts, die von September 1919 bis zum Mai 1921 am Augsburger Stadttheater als Sängerin engagiert war, an ihre erste Begegnung mit Bertolt Brecht, bei der er sie solange durch die Stadt am Lech führte, bis ihr die Füße wehtaten. "Als er mich dann endlich zu meinem Quartier brachte, wußte auch Marianne Zoff alles über Bertolt Brechts Geburtsstadt Augsburg." Diese Episode zeugt von der engen Bindung des großen Dichters an seine Heimatstadt, immerhin war Brecht bereits zweiundzwanzig Jahre alt, als er Marianne Zoff, die 1923 seine Tochter Hanne zur Welt bringen sollte, im Herbst 1920 kennenlernte. Augsburg ist so nicht nur Geburtsstadt der heute weltweit berühmtesten aus dieser Stadt hervorgegangenen Persönlichkeit. Brecht war "Augsburger", wie er sich selbst in einem Gedicht aus dem Jahre 1938 nennt. Er hing auch an seiner "Vaterstadt", wie er Augsburg in einem seiner berühmtesten Gedichte "Rückkehr" beschwört. Die Stadt seiner Kindheit und Jugend, ihr Charakter, ihre Umgebung und ihre Sprache haben Brecht geprägt und bilden den Hintergrund seiner Werke. Auch wenn die Zeit des Exils und der frühe Tod im Alter von 58 Jahren dafür mit ein Grund sind, so bleibt letztlich doch festzuhalten, daß Brecht an keinem anderen Ort mehr Zeit verbrachte als in Augsburg.
Bertolt Brechts Werk und AugsburgAm Augsburger Realgymnasium, das Brecht von 1908 bis zum Abitur 1917 besuchte, lernte Brecht 1912 als Klassenkameraden Caspar Neher kennen, den berühmten Bühnenbildner und Künstler, mit dem ihn eine lange Freundschaft verband. Brecht sammelte einen Kreis von Freunden und Freundinnen um sich, mit dem er ein ausgelassenes provozierendes Treiben in seiner Mansarde, den Altstadtkneipen, Lechauen, und auf dem Plärrer, dem zweimal jährlich stattfindenden Augsburger Volksfest, inszenierte und nächtliche Umzüge durch die Stadt veranstaltete. Dieser Clique trug er zuerst seine aggressiven und ironischen Lieder und Balladen vor, die später in seinen bekanntesten Lyrikband "Die Hauspostille" eingingen. Aus diesem überschwenglichen anarchischen und antibürgerlichen Lebensgefühl heraus entstand 1918 sein erstes größeres Drama "Baal". Seinen Durchbruch als Dramatiker erzielte er mit dem 1922 uraufgeführten Stück "Trommeln in der Nacht", dessen erste Fassung "Spartakus" Anfang 1919 in Augsburg unter dem Eindruck der Novemberrevolution entstand. Der Erfolg der "Dreigroschenoper" im Jahre 1928 machte ihn berühmt. Im Exil schuf er seine großen Meisterdramen "Mutter Courage", "Der gute Mensch von Sezuan", "Leben des Galilei", "Herr Puntila und sein Knecht Matti" und "Der Kaukasische Kreidekreis", dem die Erzählung "Der Augsburger Kreidekreis" vorausgegangen war.
Geburtshaus (1)Eugen Berthold Friedrich Brecht wird am 10. Februar 1898 Auf dem Rain 7, im Lechviertel, geboren. Im Erdgeschoß befand sich eine Feilenhauerei. Wegen des Lärms ziehen Brechts Eltern, Sophie und Berthold Brecht schon im September 1898 um. Im ersten Stock befindet sich die 1985 eröffnete Brecht-Gedenkstätte.
Bei den 7 Kindeln (2)Der 2. Wohnsitz der Familie Brecht lag wieder an einem Lechkanal und hatte damals im Erdgeschoß einen Bäckerladen. Hier wird am 29. Juni 1900 Brechts Bruder Walter geboren. An der zur Straße zugewandten Hausseite ist ein Steinrelief aus der Römerzeit zu sehen, das dem Haus seinen Namen "Bei den Sieben Kindeln" gibt.
Jugendhaus (3)Im September 1900 zieht Familie Brecht in das Haus in der Bleichstraße 2 um, das zu der Haindlschen Stiftung gehört. Verwalte war Brechts Vater, der auch ab 1901 Prokurist der Papierfabrik Haindl war. Bertolt Brecht bewohnte die Dachkammer, in der er auch an den Stücken "Baal" und "Trommeln in der Nacht" arbeitete. Zahlreiche Gedichte sind hier entstanden.
Kahnfahrt (4)Brecht erinnerte sich 1954 an seine Kindheit in der Bleichstraße: "Vorbei an meinem väterlichen Haus führte eine Kastanienallee entlang dem alten Stadtgraben; auf der anderen Seite lief der Wall mit Resten der einstigen Stadtmauer. Schwäne schwammen in dem teichartigen Wasser". Heute wie damals fahren die Augsburger hier Kahn. Hier befindet sich auch die Gaststätte "Zur Kahnfahrt".
Steinerner Mann (5)Auf dem Weg zur Schule kam Brecht täglich an der Schwedenstieg vorbei. Dort steht der "Steinerne Mann", der die Stadt im 30jährigen Krieg vor den Belagerern gerettet haben soll, indem er mit einem mit dem letzten Mehl gebackenen Brotlaib über die Mauer auf die Angreifer warf und so vortäuschte, daß die Bürger keinen Hunger litten. Bevor die Feinde abzogen, gelang es ihnen noch, den Bäcker tödlich zu verwunden. Diese Legende verewigte Brecht in "Mutter Courage" in Gestalt der "Stummen Kattrin". Die Nase des Steinernen Mannes zu reiben, soll Glück bringen.Bi (6)Auf dem Schulweg von der Bleichstraße zur Blauen Kappe ging Brecht oft an der Wohnung von Paula Bahnholzer vorbei, von Brecht liebevoll Bi ("Bittersweel") genannt, die in der Sanitätskolonie "Auf dem Kreuz" wohnte. Mit ihr hatte Brecht sein erstes Kind, Frank; geboren am 30.1.1919, gefallen im Krieg 1943.
Königliches Realgymasium (7)Ins Königliche Realgymnasium (damals noch Oberschule) ging Brecht von 1908 bis 1917 (Notabitur). Heute heißt es Peutinger Gymnasium.
Plärrer (8)Brecht liebte das Augsburger Volksfest, den Plärrer: "Ich besuchte häufig den alljährlichen Herbst-Plärrer...". Er schrieb auch ein Lied darüber, das für 5,- Mark in der "München-Augsburger Abendzeitung" abgedruckt wurde. Für Bertolt Brecht war der Plärrer "das große Kulturereignis".Staats- und Stadtbibliothek (9)1891 erbaut - hat heute einen Bestand von etwa 420.000 Bänden, darunter etwa 3.900 Handschriften, fast 3.000 Inkunabeln, 30.000 Drucke des 16. Jahrhunderts und 16.000 Blatt Graphik. Hier befindet sich die seit 1991 bestehende Brecht-Forschungsstätte. Nach dem Brecht-Archiv in Berlin verfügt sie über die größte und bedeutendste Brecht-Sammlung der Welt. Hinter dem Bau im Stil des Neo-Klassizismus liegt das Maria-Theresia-Gymnasium, dort ging Bi zu Schule. Gegenüber der Bibliothek liegt die St. Anna-Schule, die damals noch Schule am Stadtpflegeranger hieß. Brecht besuchte hier die 3. und 4. Klasse.
Stadttheater (10)1877 gebaut nach dem Vorbild der Wiener Hofoper. 1919 schreibt Brecht vernichtende Theaterkritiken. Im 2. Weltkrieg wurde das Theater stark beschädigt und 1951 im Geschmack der Fünfziger Jahre aufgebaut. Die Statuen auf dem Dach sind nicht mehr vorhanden. Einmal jährlich finden hier die Brecht-Tage statt. Im Foyer steht eine Brecht-Büste.
Rathaus (11)1614-1620 erbaut von Elias Holl. Hier im Goldenen Saal läßt Brecht die Gerichtsszene aus der Novelle Der Augsburger Kreidekreis" (1940) spielen. Die Geschichte findet im 30jährigen Krieg statt und - wie im Theaterstück "Der Kaukasische Kreidekreis" (1944) - ist der Höhepunkt das "Salomonische Urteil" des Richters, der zu entscheiden hat, welcher Mutter das Kind gehört.
Perlachturm (12)Schon im 10. Jahrhundert als Wachturm dokumentarisch erwähnt. 1614 durch Elias Holl im Rahmen des Rathausneubaus auf 70 Meter erhöht. 1914 hält der 16jährige Gymnasiast Brecht als Wachposten zusammen mit Klassenkameraden auf der Perlachturm Ausschau nach feindlichen Flugzeugen. Noch ist er voll jugendlicher Kriegsbegeisterung - zwei Jahre später kehrt sich diese ins Gegenteil um.
Gablers Taverne (13)Dort wo heute die Lechklause steht, war Brechts Lieblingskneipe. Die "Treutweinsche Gastwirtschaft" wurde von der Brecht-Clique nach dem freundlichen Wirtsehepaar nur "Gablers Taverne" genannt. Im Umfeld mehrere Kneipen (Altstadt-Cafe, Coq, Grauer Adler) und Gasthäuser (Bauerntanz, Forelle). Reizvoll: neben Gablers Taverne befindet sich auch die Augsburger Komödie und das Blaue Krügle.Elias-Holl-Schule (14)Am 21.September 1918 wird Brecht einberufen. Er macht Dienst als Militärkrankenwärter vom 1. Oktober 1918 bis 9. Januar 1919. Im Hof der Elias-Holl-Schule befand sich ein Reserve-Lazarett, das aus einigen Baracken bestand. Bertolt Brecht war der Station D zugeteilt, in der Soldaten wegen Geschlechtskrankheiten, Ruhr und Cholera behandelt wurden.
Barfüßer Kirche (15)Bertolt Brecht wird in der Barfüßer Kirche getauft. Mit 4 Jahren besucht er den Barfüßer Kindergarten und danach die 1. Und 2. Klasse der Volksschule "Bei den Barfüßern". Bertolt Brecht wird im März 1912 in der Barfüßer Kirche konfirmiert. Seine protestantische Mutter erzieht die Kinder evangelische - der Vater ist katholisch. Durch einen kleinen Durchgang gelangt man in den Innenhof, in dem evangelische Nonnen ein nettes kleines Cafe bewirten.
Elterngrab (16)Auf dem Portestantischen Friedhof in der linken Ecke der Friedhofsmauer zur Straße hin steht deine Grabstelle mit Christuskopf, umgeben von Efeu und Lorbeer mit der Inschrift:Frau Sofie Brecht 1871 - 1920 Berth. Brecht Fabrikdirektor 1869-1939 Wolfzahnau-Lechauen (17)In den Lechauen hinter dem Wohnhaus Brechts konnte Bertolt Brecht eine abenteuerliche Jugend verbringen. In dem fast dschungelartigen Wäldchen am Lech spielten die Brecht-Brüder mit den Nachbarskindern Indianer. Aus den Lechauen holten sie Binsen um Pfeil und Bogen herzustellen. Bei der Wolfzahnau fließen Wertach und Lech zusammen. "Ich bin nachmittags mit Lud an den Lech gegangen, bis über den Ablaß hinauf ..." (4.8.1920).SerenadeJetzt wachen nur mehr Mond und Katz Die Menschen alle schlafen schon Da trottet übern Rathausplatz Bert Brecht mit seinem Lampion. Wenn schon der junge Mai erwacht Die Blüten sprossen für und für Dann taumelt trunken durch die Nacht Bert Brecht mit seinem Klampfentier Und wenn ihr einst in Frieden ruht Beseligt ganz vom Himmelslohn Dann stolpert durch die Höllenglut Bert Brecht mit seinem Lampion. RückkehrDie Vaterstadt, wie find ich sie doch ? Folgend den Bomberschwärmen Komm ich nach Haus. Wo denn liegt sie ? Wo die ungeheueren Gebirge von Rauch stehn. Das in den Feuern dort ist sie. Die Vaterstadt, wie empfängt sie mich wohl ? Vor mir kommen die Bomber. Tödliche Schwärme Melden euch meine Rückkehr. Feuersbrünste Gehen dem Sohn voraus. |
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