|

Joachim-Ernst
Berendt - ehemaliger Jazz-Papst und Hesse-Liebhaber. Bild: Brigitte
Friedrich
Mensch im Sphärenklang
Wie Ex-Jazz-Papst Joachim-Ernst Berendt
Hesse erlebt(e)
(sysch). "... und Gesichter ruhten, flossen
erzeugten sich, schwammen dahin und strömten ineinander..."
Der Jazz-Papst von einst, Joachim-Ernst Berendt, las diese
Siddharta-Worte und legte bei Bücher Pustet unter dem Motto "Hermann
Hesse als Beginn einer Ära" Zeugnis für den
Autor ab. Es war der letzte Vortrag der dreimonatigen Literaturreihe über
den Dichter aus Calw (siehe auch Kultur).
Berendts Argumentation begann auf der Gefühlsebene und endete auch
dort. So verlieh sein Vortrag, frei nach Eichendorff den Seelen der vielen Zuhörer
Flügel. Leise erzählte er, wie ihn Hesse im Los Angeles der
Flower-Power-Zeit eingeholt und sein Bewußtsein verändert habe. In
keinem anderen Vortrag, in keiner der vorangegangenen Lesungen wurde die
spirituelle Komponente des Hesse-Werks derartig ins Zentrum gerückt wie zum
Abschluß der Reihe von Behrendt.
Nobelpreisträger ein Gartenzwerg?
Der Dichter als
Heilsverkünder - Berendt kritisierte die Literaturwissenschaftler, die es
gewagt hatten, den Nobelpreisträger von 1946 als "Gartenzwerg"
auf die gepflegte deutsche Literaturwiese zu stellen. Seiner Meinung nach
sei Hesse der "welthaltigste (?)" der deutschen
Schriftsteller gewesen, ein Mensch, der die Sphärenklänge des Kosmos
erspürt habe, der auch in seinem Musikverständnis eine
"Spur durch diese Zeit" gelegt habe.
Schließlich zog das Hörbeispiel aus Berendts eigener
Plattenproduktion "Hesse Between Music" mit
dem Komponisten Peter Michael Hamel an der Orgel und Gert Westphal als Sprecher
alle Lauschenden in einen melodramatischen Sog. Nur vor dem Hintergrund der
Wandlung vom Jazz-Redakteur Berendt zum New-Age-Journalisten wird es verständlich,
daß er Hesse in den esoterischen Kontext einschließt. Schade war
aber, daß durch eine fehlende Diskussion die Gefühle nicht
hinterfragt werden konnten und niemand die Möglichkeit hatte, nachzuhaken,
woher Berendt denn wisse, daß Hermann Hesse "die Kindheit
hatte, die er brauchte", und warum man durch Hesse-Texte
"heil" werde, denn bekanntlich wirkt gerade der "Steppenwolf"
auf viele eher beängstigend als beruhigend.

|